Ich habe meine Strafe verbüßt

Geld war schon immer knapp. Seit meiner frühesten Jugend stand ich vor dem Problem, Rechnungen nicht bezahlen zu können und immer tiefer in den Strudel aus Schulden, neuen Rechnungen, gelben Briefen und weiteren Schulden zu geraten. Als mich ein Freund um Hilfe beim Verticken von Marihuana bat, überlegte ich nicht lange. Alles klang plausibel und das, was er pro Monat verdiente, konnte ich mehr als gut gebrauchen.

In den ersten Monaten lief alles wunderbar. Doch ich wurde unvorsichtig und mein Name sprach sich in der ganzen Stadt herum. Es dauerte nicht lange, bis im Zuge einer Razzia mehrere 100 Gramm Marihuana, eine Waage und Tütchen für 1 bis 2 Gramm gefunden wurden. Ich hatte panische Angst ins Gefängnis zu gehen und für die nächsten Jahre gesiebte Luft zu atmen. Doch dank eines verdammt guten Anwalts und mehr Glück als Verstand wurde mir der Knast erspart. Vom Freispruch war ich jedoch weit entfernt: Ich erhielt eine gesalzene Bewährungsstrafe von über 2 Jahren.

Das Urteil war für mich eine echte Katharsis, eine Art Wiedergeburt. Ich schwor mir, auch wenn es mir schwer fiel, nie wieder mit Drogen zu handeln. Das war gar nicht so einfach, zumal meine ehemaligen Kunden weiter auf mich zukamen und nicht verstehen wollten, dass ich raus war. Ich wusste, dass mich nur ein völliger Neustart aus der Sache bringen und mir meine wirkliche Freiheit zurückgeben konnte. Ich zog in eine neue Stadt. Bewusst hatte ich mir Leipzig ausgesucht. Die Stadt war groß, sie war anonym und niemand wusste, welchen Rucksack ich mitbrachte.

In der Anfangszeit lief alles gut. Dann lernte ich neue Menschen kennen, schloss Freundschaften und traf einen Mann in den ich mich verliebte. Meine Freunde und vor allem mein Partner sollten nicht wissen, dass ich verurteilt war und womit ich früher mein Geld verdiente. Ich schämte mich und erfand hanebüchene Ausreden. Doch meine Geschichte war nicht rund und so kam es, wie es kommen musste. Mein Partner sprach mich auf meine Vergangenheit an und ich begann zu weinen. Wie ein Wasserfall brach alles aus mir heraus und ich gestand ihm, dass ich wegen dem Verkauf von Marihuana beinahe im Gefängnis gelandet wäre. Er nahm mich in den Arm und beruhigte mich. Dann begann er zu lachen. Entsetzt, aber auch mit einem Hauch des Erstaunens sah ich ihn an.

"Warum lachst du?", fragte ich. Er kriegte sich kaum mehr ein und meinte nur: "So geheimnisvoll wie du getan hast, hätte ich nicht mit einer solchen Harmlosigkeit gerechnet. Marihuana, mehr nicht?" Ich schüttelte den Kopf. Mehr nicht. Das reichte doch. Oder?

Mit meinem Partner bin ich immer noch zusammen. Beruflich habe ich seit Jahren Fuß gefasst und die Schulden aus der damaligen Zeit sind abgegolten. Ich bin erfolgreiche Textdesignerin, habe mir einen Bauernhof gekauft und lebe hier glücklich mit meinem Mann, unserem Sohn und den Tieren. An die Zeit von damals erinnere ich mich heute ohne Scham und bin sogar in der Lage, im engsten Freundeskreis in geselliger Runde über meine Zeit als Punk und als Marihuana-Dealer, über meine Schulden und über meine Verurteilung zu sprechen. Das Blatt hat sich gewendet.


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