Coronavirus Luftbrücke - gestrandet im Ausland

03.04.2020

Coronavirus Luftbrücke - gestrandet im Ausland

Wir sind Ende Februar 2020 für eine dreiwöchige Reise nach Marokko geflogen. Zu diesem Zeitpunkt war das Coronavirus noch nicht wirklich ein heikles Thema. Weder in den Medien, noch im Privaten. Das Ganze war ein fremdes Problem, „von denen da drüben in China“. Gesundheitsminiter Spahn tingelte durch Talkshows und beschwichtigte die besorgten Fragen der Moderatoren. O-Ton: nur keine Panik, denn "Ich verstehe gerade die ganze Hektik und Herangehensweise nicht..." ! Rückblickend erinnert man sich auch an die Aussage unseres Innenministers: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern". Spätestens seit de Maizière wissen wir: Nichts mag die Politik weniger als Panik.

Wie dem auch sei. Unser Aufenthalt in dem nordafrikanischen Königreich war toll! Drei Tage vor Abreise erreichten uns dann jedoch beunruhigende Nachrichten: Marokko legt im Zuge der Corona-Krise den Flugverkehr still, eine Ausreise ist nur noch innerhalb der nächsten 24h möglich. Ungläubig aber alarmiert informierten wir uns weiter. Das Auswärtige Amt erklärte sich telefonisch für „nicht zuständig“ und die deutsche Botschaft in Rabat war auch nach wiederholter Kontaktaufnahme nicht erreichbar. Wir blieben ruhig, denn bei soviel Chaos kann alles nicht so ernst sein – andere würden sich schließlich in einer ähnlichen Situation befinden.

Über die sozialen Medien erreichte uns kurz darauf ein Video des deutschen Botschafters. Das Video war beunruhigend. Die Worte des alten Mannes richteten sich an alle gestrandeten Deutschen, deren Flüge gestrichen wurden und die sich mit der Ausreisesperre der marokkanischen Monarchie konfrontiert sahen. Klare Worte steigerten unser Unbehagen: „wir holen Sie hier raus!“, und: eine „Luftbrücke“ nach Deutschland soll die Evakuierung aller deutschen Bürger ermöglichen. Wir fragen uns: "Meint der das Ernst oder ist dem betagten Greis in seiner Wahlheimat jegliche Medienkompetenz abhanden gekommen?" Als Wahl-Berliner denkt man bei solchen Worten schließlich direkt an Rosinenbomber, Kalten Krieg und Ausnahmezustand. Die Stimmung kippte..

Schnell dämmerte uns schließlich: der Greis hatte nicht Unrecht! Denn wir befanden uns unlängst in einem absoluten Ausnahmezustand. Unsere Tickets, die von Easyjet auf Anfang April umgebucht wurden, würden es uns eigentlich ermöglichen, die Krise für ein paar Tage an der marokkanischen Küste auszusitzen. Tickets nach Essaouira sowie ein Hotel hatten wir kurzfristig gebucht, morgen sollte es los gehen. Ein Gedanke verfolgte uns natürlich über den ganzen Tag: Was, wenn sich das Ganze hier noch weiter zuspitzt. Unlängst wurde uns auf der Strasse entgegnet, wir sollten als Europäer doch einen Mindestabstand einhalten, wenn wir mit anderen kommunizieren. In ihrer Existenz bedroht gewannen viele Menschen den Eindruck, dass das Virus von den Europäern importiert wurde.

Um Mitternacht erreichte uns dann ein weiteres Video des deutschen Botschafters: Alle deutschen Touristen sollen sich umgehend zu dem nächsten Flughafen begeben – die Evakuierung aller deutschen Staatsbürger erfolge postwendend, da die marokkanische Regierung in Kürze eine unbefristete Ausgangssperre erlassen würde. Der Gedanke an eine ruhige Zeit am Strand verlor schlagartig jegliche Bedeutung. Wir packten unsere Sachen und waren um 5 Uhr morgens am Flughafen, bereit für die Rückreise nach Deutschland.

Von der Botschaft war zu dem Zeitpunkt noch niemand anwesend, also gesellten wir uns zu den unzähligen Kunden von Easyjet, um über den Airport-Schalter eine Umbuchung unseres Tickets zu realisieren. 5 Stunden vergingen, bis wir an der Reihe waren. Uns wurden Flüge nach Frankreich, und die Schweiz angeboten, aufgrund der uns unbekannten Lage an den Grenzübergängen lehnten wir ab: wir benötigten in jedem Fall einen Direktflug zurück nach Deutschland!

Der Airport war mittlerweile voller hilfloser Touristen die verwirrt umher rannten. Manche hatten bereits ein halbes dutzend Tickets gebucht, nur um zu erfahren, dass ihr Flug ein ums andere mal storniert wurde. Warum? Wir wissen es nicht. Keiner wusste irgendwas und wilde Theorien waren im Umlauf. Manche der Touristen hatten nach all den Stornierungen kein Geld mehr um auch nur ein Hotelzimmer zu buchen. Vor Ort herrschte Chaos und die Ausgangssperre schwang wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen.

Es war mittlerweile halb eins und die Abflughalle voller deutscher Touristen. Plötzlich erscheint ein betagter Beamter der deutschen Botschaft: „Es wird noch etwas dauern“... schrie er in die Menge. Ermüdet klammerten wir uns an die positive Nachricht: „es wird etwas getan“. Eine Stunde später dann die nächste Durchsage: „Es werden heute sehr warscheinlich alle ausgeflogen werden können, wir haben 2 Flieger!“ Applaus und Erleichterung bei allen Beteiligten.. doch dann setzt der Verstand ein: In der Halle befanden sich geschätzt über 1000 Deutsche die evakuiert werden mussten und in einen üblichen Ferienflieger gehen 180, maximal 200 Passagiere. Kann das gut gehen? Womöglich hat die Botschaft aber ja eine Antonov, eine A380 oder einen Jumbojet gechartert, möglich ist alles.

Natürlich kam es anders: Kinder mit Familien und Alte über 70 Jahren wurden ausgeflogen. Nach wenigen Stunden folgte die Durchsage: „Beide Flieger sind voll, bitte morgen wiederkommen“ und „alle ausreisewilligen Deutschen werden morgen ausgeflogen“. Mittlerweile waren jedoch noch mehr Ausreisewillige in der Abflughalle eingetroffen als gegen Mittag. Die Zuversicht schwindete und die Stimme unserer Bundesminister bimmelte im Cortex: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern". Klare Sache: Wer hier eine Massenpanik verursachen wollte, durfte auf keinen Fall die Wahrheit sagen. Die Warscheinlichkeit, dass alle ausgeflogen werden konnten, war plötzlich so sicher wie die Aussagen von Norbert Blüm zur Rente. Wir erinnern uns: „die Rente is sischääh“.

Am nächsten Morgen waren wir noch früher am Flughafen. Unser Ziel: der Easyjet Schalter am Terminal-Horizont. Erster Eindruck aus der Distanz: „Hurra, da steht noch keiner“, da hat sich das frühe Aufstehen ja mal gelohnt. Mit Siebenmeilenstiefeln eilen wir in Richung Counter. Basel oder Bordeaux, Quarantäne oder Lockdown, mittlerweile war uns alles egal, Hauptsache raus hier. Wir schöpfen neue Hoffnung... doch dann: Ernüchterung. Am Easyjet Schalter lenkt ein unscheinbarer DINA4 Aushang in Comic Sans den weiteren Tagesverlauf: alle Flüge von Easyjet werden auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Müde und desillusioniert waren wir nun bereit uns unserem Schicksal zu stellen. Wie schlimm könnte es schon werden? 2 Wochen, 2 Monate.. vlt. länger?! Wo werden wir unterkommen? Haben wir genug Geld für eine Unterkunft? Wird die angespannte Stimmung der marokkanischen Bevölkerung gegenüber Touristen kippen? Still und vertieft in nervöse aber auch beschwichtigende Gedanken kauerten wir in der Terminal Halle zwischen Sachsen und Saarländern. Plötzlich eine Durchsage: einzelne Fluggesellschaften kündigen im Laufe des Tages weitere Flüge gen Norden an. „Ryanair!“... „London Stansted!“ ... Unbeholfen hantierte ich mit der Ryanair App und fand heraus: es gibt noch freie Plätze. 18h30, 800 Euro? Geschenkt - bzw. gebucht!

Brexit hin, Grenzkontrollen her, mehrere Wochen Fish & Chips in einem Terminal-Diner erschien uns angesichts der aussichtlosen Situation das durchaus kleinere Übel. Sollen Sie uns am Flughafen ruhig festsetzen oder in Quarantäne packen, viel schlimmer kann es nicht werden. Wir waren erleichtert und suchten innerhalb der nächsten Stunden redselige Gespräche mit Menschen aus Bayern, Flensburg und der Lüneburger Heide. Unser Ego erfreute sich über einen geschwätzigen Austausch mit Menschen denen das Schicksal auf gleiche Weise mitspielte.

Irgendwann erschien dann einer der Herren der Botschaft. Er hatte seine Lehren aus der gestrigen Brüllerei gezogen und sich mit einem Megafon bewaffnet: „heute machen wir alles gaaaaanz laaangsam“ .... „alle werden ausgeflogen, wir haben heute 5 Flieger“... 5 Flieger? Abermals verrechnete ich die Passagiermasse mit neueren Airbus Modellen. Ergebnis der laienhaften Untersuchung: Das könnte tatsächlich reichen! Und zur Not haben wir ja noch den Ryanair Flug. Mittlerweile waren auch gestrandete Polen und Niederländer zugegen, denn leere Kapazitäten sollten laut Botschaft genutzt werden um auch ihnen zu helfen. „Mama Merkel“ wirds schon richten.

Allen Betroffenen wurde nun eine Passagier-Nummer zugeteilt. Wir waren stolze Besitzer der Nummer 1215 und 1216. Jedoch bedeutete dies auch: erst mal warten, denn je höher die Nummer, desto später das Boarding. Die ersten 250 Nummern komplettierten den ersten Flieger. „Das wird wieder richtig knapp“ dachten wir uns. Als eine der letzten Passagiere würde unser Flug definitiv erst am späten Abend gehen. Was also tun: den Ryanair Flieger nach London nehmen oder den Beamten der Botschaft Glauben schenken. Wir setzten alles auf eine Karte und entschieden uns für letzteres.

Draussen wurde es dunkel, es galt nun offiziell die Ausgangssperre. Wer das Flughafengelände verlässt, muss zu einer Unterkunft, in der er dann festsitzt. Der Ryanair Flug war mitsamt unseren 800 Euro unwiderbringlich im Transfer in Richtung Grossbritannien. Whatever, egal, denn was sollte jetzt noch schiefgehen. Wenig später der der Aufruf „Anwesende mit der Nummer 1150 bis 1200 bitte zum Gate 31-35“. Als nächstes waren wir dran, wir packten unsere Sachen und begaben uns viel zu früh in Richtung Check-in Schalter. Anstehen. Warten. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte Nummer 1200 eingecheckt und der Beamte hiefte das Megafon abermals Müde in Richtung der erschöpft und zunehmend nervös dreinblickenden Müllers und Schmidts.

„Sooo jetzt ist es 19 Uhr, wir machen jetzt eine Pause und in 2 Stunden geht es weiter, dann werden wir sehen, wieviele Menschen noch anwesend sind und dann wird neu ausgezählt“. „Neu ausgezählt?!“ Wir waren mittlerweile 12 Stunden auf dem Flughafen und zu erschöpft um nach Details zu fragen. So mussten wir weitere 2 Stunden im Unklaren über uns ergehen lassen. Dann - wir hätten es fast nicht mitgekriegt - die knappe Ansage „Nummer 1200 bis 1250 bitte zum Gate 31-35“. Die finale Erleichterung!! Wir erhielten unser Boarding Ticket, wälzten und durch das Security Check-in und gafften aufs Rollfeld. Der Flieger steht - wir konnten boarden - es war geschafft!


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